Mehr als eine Gewürzmischung
Von Patrick Schultz
07. November 2008

Streng blickt ein schwarzes Auge von der goldenen Zellophanverpackung, die Markus aus seiner Jackentasche zieht. Aus dem Päckchen, das im Design an eine Mischung aus „Herr der Ringe“ und Fußballsammelbildchen erinnert, drückt er eine krümelige braune Masse: „Spice“. „Eine exotische Gewürzmischung, die beim Verbrennen ein reiches Aroma entfaltet“, heißt es auf der Packungsrückseite.
Wobei der entscheidende Punkt fehlt: „Spice rauchen“, sagt Markus (Name geändert) und senkt die Stimme, so dass es nicht gleich jeder hört, „hat praktisch den gleichen Effekt wie Haschisch.“ Aber den Vorteil, dass es „Spice“ völlig legal zu kaufen gibt. Weshalb es in den letzten Monaten zu einer Art Modedroge geworden ist. Der 30 Jahre alte Markus, gelernter Maler, blonde Haare und schwarze Bomberjacke, raucht seit einem halben Jahr täglich zwei bis drei Joints, also selbstgedrehte Zigaretten, in denen diese Gewürzmischung enthalten ist. „Man entspannt, die Wahrnehmung wird gedämpfter. Man kann die Augen nicht mehr fokussieren.“ Früher hat er für den gleichen Effekt Haschisch geraucht. „Aber auf die illegalen Pfade hab ich keine Lust mehr“, sagt er.
„Marihuana drinnen - alles zum Anbau im Haus“
Sein „Spice“, was auf Deutsch Gewürz bedeutet, kauft er im „Neutral“ in der Frankfurter Innenstadt. Im Schaufenster des kleinen Ladens stehen Wasserpfeifen in Kleinkindgröße, Kakteen, ein kleiner Buddha und einschlägige Fachliteratur zum Thema „Marihuana drinnen – alles zum Anbau im Haus“. Im Innenraum Regale voll mit Zierpflanzendünger, kleinen Maschinen, mit denen sich Joints rollen lassen, und Tabak in allen Variationen.
Hinter dem Ladentisch zwei Plastikbeutel mit den grünen und goldenen „Spice“- Tütchen. Über mangelnden Absatz kann der Inhaber nicht klagen. Seit es erste Berichte in Medien über die Biodroge gegeben habe, sei es zu einem „totalen Hype um Spice“ gekommen. „Wir sind fast kollabiert im Laden.“ Eine Kollegin berichtet von „80 Interessenten am Tag, wo vorher vielleicht zwei oder drei kamen“.
Noch kein großes Thema bei Drogenberatung
Gerade viele ältere Käufer, die das illegale Marihuana scheuten, kauften stattdessen „Spice“. Vier Päckchen – 3 Gramm zu 25 Euro – werden im „Neutral“ in der nächsten halben Stunde verkauft. An eine buntgemischte Kundschaft: „Vom Banker bis zum Jugendlichen ist alles dabei“, erklärt man im „Neutral“. Zur Zeit stockt allerdings der Nachschub: Der englische Hersteller Psyche Deli, der „Spice“ 2003 auf den Markt brachte, kommt mit der Produktion nicht mehr nach. Andere Unternehmen bringen Nachahmerprodukte heraus: Mit „Spice“ lässt sich derzeit richtig Geld verdienen.
Bei der Frankfurter Drogenberatung ist es aber noch kein größeres Thema. Bei zwei Stellen hört man zum ersten Mal von der Modedroge, ein Anruf bei der Drogenberatung am Merianplatz ist erfolgreicher. „Wir haben das im Visier“, sagt Joachim Messer, Leiter der Beratungsstelle, „und sprechen die Leute darauf an. Bisher ist aber keiner gekommen und hat gesagt, dass das jetzt das tollste Zeug ist.“ Genaueres über die Wirkung und die Gefahr des Spice-Rauchens kann er auch nicht berichten. Tatsächlich ist schwer zu sagen, was genau den berauschenden Effekt auslöst. Der Hersteller, der das Produkt vorsichtig als „Räucherwerk“ tituliert, listet lediglich „eine Auswahl“ an 12 Inhaltsstoffen auf. Darunter Pflanzen mit malerischen Namen wie Indischer Lotus, Sibirischer Löwenschwanz oder Zwerghelmkraut. In einschlägigen Internetforen werden ihnen allenfalls leicht beruhigende Effekte zugeschrieben. Ein Kunde im „Neutral“ vermutet: „Das ist doch genau wie beim Joghurt, alles unter einer bestimmten Menge müssen die nicht angeben. Weiß keiner, was die da noch reinmischen, Chemie oder sonst was.“
„Das Verbot kommt früher oder später“
Ebenso wenig ist über Nebenwirkungen, Langzeiteffekte oder Suchtpotential des Spice-Rauchens bekannt. Und sobald einer der Inhaltsstoffe in die Liste der „nicht verkehrsfähigen Stoffe“ des Betäubungsmittelgesetzes aufgenommen wird, wird Spice aus den Läden verschwinden. „Das Verbot kommt früher oder später“, sagt auch Markus. Was er nicht ganz einsieht. „Wenn man fünf Bier getrunken hat, macht man viel dümmere Sachen als nach fünf Tüten.“ Er raucht abends, um nach acht Stunden auf dem Bau zu entspannen, „zwei, drei Tüten“; setzt sich an die Playstation und tötet virtuelle Monster. Verantwortungsgefühl, das sei das Entscheidende. „Wenn ich an der Kreissäge arbeiten muss, dann rauche ich vorher nichts. Genauso wenn ich meine kleine Tochter sehe.“ Er habe auch noch nie von einer Spice-Sucht gehört.
„Aber selbst wenn es verboten wird“, meint der Chef des „Neutral“, „dann ändert der Hersteller die Mischung ein bisschen und alles ist wieder okay.“ Eine Art Katz-und-Maus-Spiel sei das, vom Gesetzgeber nicht zu gewinnen. „Die Natur bietet da einfach extrem viele Möglichkeiten. Und irgendeinen Weg finden die Menschen immer, um sich zu berauschen.“Patrick Schultz
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